Stellungnahme des AKS Hamburg zu der Auseinandersetzung um den „Grundkurs Soziale Arbeit“ von Timm Kunstreich

31 Aug

Stellungnahme des Arbeitskreises Kritische Soziale Arbeit (AKS) Hamburg zu der Auseinandersetzung um die Veröffentlichung eines Beitrags von Eberhard Mannschatz zur Sozialen Arbeit in der DDR im „Grundkurs Soziale Arbeit“, Band 2 (2001) von Timm Kunstreich

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Im AKS Hamburg treffen sich seit Anfang 2011 in der Sozialen Arbeit Tätige und Interessierte, Praktiker_innen, Mitarbeiter_innen und Student_innen der Hamburger Hochschulen. Wir engagieren uns als politisch denkende Menschen und nicht als Vertreter_innen einer Institution oder eines bestimmten Trägers. Wir beziehen hier Stellung zu der genannten Debatte um den „Grundkurs Soziale Arbeit“ und ordnen diese vor dem Hintergrund unserer eigenen Position ein,

  • uns gegen soziale Ungleichheit zu wenden und deren Legitimation und Verfestigung aufzudecken,
  • gesellschaftliche Interessenkonflikte und Machtunterschiede deutlich zu machen sowie Macht- und Herrschaftsstrukturen zu analysieren und zu kritisieren, und
  • uns von den Zumutungen individualisierender und ordnungspolitischer Problembeschreibungen und -lösungen zu distanzieren.

Wir sprechen bewusst nur einige Ebenen der Auseinandersetzung an und zwar diejenigen, die aus unserer Sicht allgemeine Auswirkungen für die Soziale Arbeit/Sozialpädagogik in Praxis und Disziplin haben.

Was bisher geschah: Die Vorwürfe gegen Timm Kunstreich und das Rauhe Haus
Der Vorwurf, der von Lutz Rathenow, dem sächsischen Landesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, und anderen am 26.03.2012 in einem Offenen Brief an die Evangelische Fachhochschule Rauhes Haus gerichtet wird, liest sich wie folgt: Das Rauhe Haus bzw. Timm Kunstreich würden „einem Hauptverantwortlichen der DDR-Jugendhilfe wie Eberhard Mannschatz“ eine „Plattform“ bieten und es sei „nicht hinzunehmen, dass jemand wie er als Kronzeuge gelungener ‚Sozialarbeit‘ in der DDR herangezogen“ würde.[1]
Der Rektor des Rauhen Hauses nimmt am 04.04.2012 Stellung zu den Vorwürfen.[2] Er räumt u.a. ein, dass die „Aufarbeitung der Geschichte fragwürdiger Erziehungsmethoden innerhalb des politischen Systems der DDR“ einen „‚blinden Fleck‘ darstellt, den es zu beseitigen gilt“, weist aber „[d]en impliziten Vorwurf […], die Hochschule hätte in diesen Fragen eine unkritische und darin unverantwortliche Haltung“ zurück.
In den folgenden zwei Monaten erscheinen Zeitungsartikel in FAZ (20.04.)[3] und Welt (07.05.)[4], die den Vorwurf erheben, durch diesen Beitrag würde „DDR-Pädagogik propagiert“. Anfang Juni schaltet sich CDU/CSU-Fraktionschef Volker Kauder mit einem dreiseitigen Brief an den Bischof der norddeutschen Kirche in die Auseinandersetzung ein, in dem er sich u.a. darüber empört wie „in Hamburg das SED-Unrechtsregime verharmlost“ würde. Welt, Berliner Morgenpost (11.06.)[5] und FAZ (17.06.)[6] berichten darüber.
Am 13.06. gibt die Ev. Hochschule in Folge des öffentlichen Drucks eine Presseerklärung heraus, in der auch eingeräumt wird, „dass die
kommentarlose Veröffentlichung des in Rede stehenden Textes in dem Fachbuch ein Fehler“ gewesen sei.[7]

Kontextlos? Kommentarlos?
Wir, der AKS Hamburg, teilen diese Einschätzung nicht. Weder wird Mannschatz im „Grundkurs Soziale Arbeit“ (2001) von Timm Kunstreich eine Plattform für „gelungene Sozialarbeit“ geboten, da es gar nicht Ansinnen des Buches ist, gelungene Sozialarbeit zu definieren, noch schätzen wir die Veröffentlichung als „kommentarlos“ oder unkommentiert ein. Zumal die Gesamtausrichtung des zweibändigen Werks auf eine kritische Auseinandersetzung mit der Ideengeschichte Sozialer Arbeit zielt. In jedem – zeitgeschichtlich umrissenen – „Blick“ werden differenziert Strömungen einer sozialdisziplinierenden im Gegensatz zu einer Pädagogik des Sozialen vorgestellt. Detailliert werden die jeweiligen Deutungsmuster, Begründungszusammenhänge und Erklärungen beschrieben. Zu diesem Zwecke wird exemplarisch sowohl umstritteneren als auch konsensfähigeren Positionen und Werken Raum gegeben.
Wir begreifen die oben aufgeführten Vorwürfe und die daran angeschlossene politisch-mediale Auseinandersetzung in erster Linie als einen Streit um die Deutungshoheit darüber, was, wie und von wem veröffentlicht werden darf und was nicht. Und nicht zuletzt darum, wer legitimiert ist, darüber zu befinden.

Wie ist es sonst zu erklären, dass die in Forschung und Lehre übliche und notwendige Auseinandersetzung mit – auch hinterfragenswerten – Quellen und Positionen in Publikationen wie der „Welt“, der FAZ und von Politiker_innen wie Volker Kauder be- und verurteilt werden? Geht es bei der Diskussion noch um die – immer wieder herangezogenen – Betroffenen von geschlossener Unterbringung, unabhängig von den staatlichen Systemen in denen sie stattgefunden hat und immer noch stattfindet?

Für eine kritische Theorie und Praxis Sozialer Arbeit!
Als AKS Hamburg sehen wir uns einem kritischen Verständnis von Sozialer Arbeit verbunden. Wir gehen davon aus, dass Soziale Arbeit und Sozialpädagogik die Aufgabe hat, Sozialpolitik und die eigene professionelle Praxis und Forschung bezüglich ihrer Ziele, Auswirkungen auf die Adressat_innen und politischer Ausrichtungen kritisch und emanzipatorisch zu hinterfragen. Daher erklären wir uns solidarisch mit allen, die sich diesem Vorgehen ebenfalls verpflichtet fühlen – in diesem Falle mit Timm Kunstreich.
Dies impliziert nicht, dass wir Mannschatz‘ Verantwortung für das auch in seiner Verantwortung erfolgte Unrecht an Menschen relativieren wollen. Wir sehen den durchaus kritikwürdigen Beitrag jedoch im Gesamtkontext des Buches und des im Vorwort dargelegten Ansinnens: „die demokratische, partizipative Tradition Sozialer Arbeit zu stärken und ein Gegengewicht gegen noch immer dominierende sozialtechnologische Tendenzen zu setzen“.
Timm Kunstreich, der in allen seinen Beiträgen und Diskussionen als entschiedener Gegner geschlossener Unterbringung bekannt ist, und dem Rauhen Haus eine verherrlichende, unreflektierte Sicht auf die DDR-Pädagogik und die Geschehnisse in geschlossener Unterbringung vorzuwerfen, ist schlicht nicht haltbar.

  • Wir ziehen den Schluss, dass es sich bei der öffentlichen Kampagne um einen Versuch handelt, aus politischen Gründen Einfluss auf die Inhalte von Forschung und Lehre zu nehmen — und dabei billigend in Kauf zu nehmen, das erfahrene Leid und Unrecht der Betroffenen von geschlossener Unterbringung zu instrumentalisieren.
  • Wir sprechen uns für die kritische Aufarbeitung der Praxis geschlossener Unterbringung aus – sowohl im ost- wie auch im westdeutschen Kontext, in der Vergangenheit und heute.
  • Aus den damaligen wie heutigen Erfahrungen kann es aus unserer Sicht nur den Schluss geben, jegliche Form von geschlossener Unterbringung zu beenden. Wir unterstützen die Forderung der Opfer nach einer weitergehenden Entschädigung.
  • Wir wenden uns entschieden gegen eine sozialdisziplinierende reaktionäre Law-and-Order-Ausrichtung unserer Profession. Wir fordern alle Beteiligten dazu auf, eine sachliche und differenzierte Diskussion voranzubringen, die darauf gerichtet ist, sozialpädagogische Arbeit zu reflektieren, emanzipatorische Erkenntnisse zu entwickeln und gesellschaftliche Veränderungen zu ermöglichen.
  • Wir verwehren uns entschieden gegen Versuche, durch persönliche Diskreditierung kritische Wissenschaft und Auseinandersetzung zu verhindern und solidarisieren uns daher mit Timm Kunstreich.

Wir denken, dass „über Alternativen zum bestehenden System“ nicht nur nachgedacht werden darf[8], sondern nachgedacht werden muss.

AKS Hamburg, 27. August 2012
Homepage: www.akshamburg.wordpress.com
Mail: aks-hamburg [at] gmx.de

[1] http://www.jugendwerkhof-torgau.de/downloads/Offner_Brief_an_Evang._Hochschule_Hamburg1.pdf
[2] http://www.jugendwerkhof-torgau.de/downloads/Stellungnahme_des_Rektors_der_Evang._Hochschule.pdf
[3] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/jugendwerkhof-torgau-stalins-vermaechtnis-im-herzen-11726015.html
[4] http://www.welt.de/regionales/hamburg/article106268403/DDR-Paedagogik-in-einem-Lehrbuch-propagiert.html
[5] http://www.welt.de/politik/deutschland/article106488861/Die-DDR-Paedagogik-landet-in-Kirchenlehrbuch.html;
http://www.morgenpost.de/vermischtes/article106488861/Die-DDR-Paedagogik-landet-in-Kirchenlehrbuch.html
[6] http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/ddr-heimerziehung-lassen-sie-uns-darueber-reden-11788612.html
[7] http://www.rauheshaus.de/aktuell/article/presseerklaerung-der-ev-hochschule-fuer-soziale-arbeit-diakonie.html
[8] Vgl. http://www.taz.de/Kommentar-Kritik-am-Rauhen-Haus/!95229/

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