Care-Konferenz 2014 – Wo ist die Revolution?

29 Sep

Als kleine Gruppe aus dem AKS Hamburg nahmen wir im März 2014 an der Aktionskonferenz Care Revolution in Berlin teil. Wir sind eine alters- und geschlechtsmäßig buntgemischte Gruppe aus verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit. Im Vorfeld haben wir uns nicht explizit mit der Care-Thematik auseinandergesetzt. Allerdings haben wir sowohl in der Lohnarbeit als auch im Privaten mit Care zu tun und setzen uns in politischen Kontexten mit Fragen nach unseren und anderen Ansprüchen an fachliche Arbeit sowie mit sozialpolitischen Themen und auch Arbeitsbedingungen sozialer Arbeit, Entlohnung oder z.B. Auswirkungen der Schuldenbremse auf unsere Arbeit auseinander. Unser Feedback nach den drei Tagen in Berlin zur Konferenz und der Care-Thematik an sich ist gemischt und kritisch. Für uns ist es ungeklärt, ob ein gemeinsames Verständnis von Care besteht, oder bestehen soll und auch in der Argumentation ist für uns vieles unklar geblieben.

Wir konnten schnell an unserer eigenen Gruppe sehen: Der Begriff der Care-Arbeit lässt viele Assoziationen, Phantasien und Interpretationen zu und bietet somit eine Vielzahl an Zugangsmöglichkeiten. Und hier ist unserer Meinung nach eine der Stärken des Begriffes zu finden, der aber gleichzeitig zu seiner größten Schwäche werden kann. Jeder Mensch kommt im Laufe seines Lebens auf unterschiedliche Weise mit den sozialen und gesundheitlichen Hilfesystemen in Kontakt, entweder als Empfänger*in oder als Mitarbeiter*in. Von der Kita bis zur Pflegeeinrichtung, von der bezahlten oder unbezahlten Hausarbeit, bis zur Rolle als Mutter, Vater, Pflegende*r von Angehörigen, also dem Bereich, der der privaten Reproduktionsarbeit zugeschrieben wird.
Gleichzeitig sehen wir hierin aber auch eine der Schwächen des Care-Ansatzes. Er stellt unterschiedlichste Bereiche nebeneinander und behauptet, oder betont erst einmal das Gemeinsame. Ob dieses Gemeinsame tatsächlich so stark ist, darf zumindest angezweifelt werden. Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse die hier aufeinander treffen, haben in der gesellschaftlichen Realität, oder den realen Lebenswelten oft wenige Berührungspunkte. Und wenn sie doch aufeinander treffen, dann oft in einem Verhältnis, dass eher dem eines Kunden und eines Anbieters entspricht (wobei wir die zunehmende Warenförmigkeit von „Care“ nicht diesem Ansatz anlasten wollen und können, der diese ja gleichzeitig kritisiert). Dieses Nebeneinanderstellen „der Vielen“ macht den gesamten Diskurs auf eine Art schwammig und wenig greifbar, was sich unserer Meinung nach auch im Abschlusspapier der Konferenz zeigt.

Um nicht missverstanden zu werden: Als in der Sozialen Arbeit Tätigen liegt uns die Care-Thematik nahe und ist uns wichtig. Grundsätzlich begrüßen wir den Einsatz im Diskurs und befürworten den Versuch, auch über die Grenzen von unterschiedlichen sozialen Positionen und Sprechorten ins Gespräch zu kommen und Handlungsoptionen auszuloten. Aber gerade hier liegen, ob der Größe des Themas und seiner Vielgestaltigkeit, auch die vielen Fallstricke, die dazu einladen den differenzierten Blick zu verlieren, Unterschiede zu kaschieren und zu übergehen. Damit dies nicht geschieht, reicht eine bloße Intervention oder ein Einsatz im Diskurs nicht aus. Deshalb sind wir gespannt, welche Folgen die Konferenz, die ja explizit als Impulsgeber gedacht war, haben wird und verfolgen die weitere Entwicklung teils als Beobachter*innen teils als aktiver Teil und verbleiben mit den Zapatisten: „Preguntando caminamos“ (Fragend schreiten wir voran).

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Dressur zur Mündigkeit? – Aufruf zu bundesweiter Kampagne

21 Jul

Für die Verwirklichung der UN Kinderrechts-Konvention statt Überwachen und Erniedrigen in den Grauzonen der Hilfen zur Erziehung!

„Wenn das aber stimmt, gibt es Todsünden der Pädagogik, nämlich Arrangements und Umgangsformen, in denen Menschen nicht anerkannt werden, in denen sie nicht lernen können, sich selbst zu achten und zu mögen, in denen ihnen von anderen demütigend, stigmatisierend und strafend signalisiert wird, dass es kein Glück ist, dass sie auf dieser Welt sind, dass es besondere Herablassung braucht, damit sie überhaupt ausgehalten werden, dass sie sich Mühe geben müssen, damit sie irgendwo einen Platz in der Welt finden, die sie eigentlich nicht braucht.“ (Hans Thiersch 2014:24)

Manfred Kappeler zieht aus den Runden Tischen Heimerziehung in West und Ost folgendes Fazit: „Zuerst das Positive: der Kampf der ehemaligen Heimkinder und ihrer UnterstützerInnen hat sich gelohnt und lohnt sich immer noch, weil das jahrzehntelange Schweigen über die Gewalt, der Kinder und Jugendliche in der Heimerziehung ausgesetzt waren, gebrochen werden konnte…..

Nun das Negative: Die Jugendhilfe hat sich im Ganzen ihrer Vergangenheitsschuld nicht gestellt. Das bedeutet auch, dass die Chance, aus der kritischen Selbstreflexion der ‚dunklen Seite‘ ihrer Geschichte für die Gegenwart und für die Zukunft zu lernen, weitgehend nicht genutzt hat. Die in vielen Bundesländern wieder praktizierte ‚geschlossene Unterbringung‘ von wieder als ‚verwahrlost und schwersterziehbar‘ definierten Kindern und Jugendlichen ist ein Beispiel dafür“ (2013:30).

Dass aus Heimkarrieren unter den Vorgaben des KJHG/SGB VIII Maßnahmen-Karrieren geworden sind, ist bekannt. Bekannt ist auch, dass am Ende beider Karrieren die geschlossene Unterbringung stand und steht. Sah es in den achtziger Jahren so aus, als würde die die geschlossene Unterbringung insgesamt abgeschafft und sah das neue KJHG dieses Instrument ausdrücklich nicht vor, so hat sich die Zahl der geschlossenen Unterbringungsplätze in den letzten 20 Jahren von ca. 125 auf knapp 400 mehr als verdreifacht. Nach der tendenziell positiven Evaluation dieser Einschließung im Namen des Kindeswohls durch das DJI und der erst vorsichtigen (11. KJB 2001:239f.) und dann entschiedenen Befürwortung geschlossener Unterbringung als Hilfe zur Erziehung (14. KJB 2013:349f.) ist mit einer weiteren Steigerung der Plätze sowie einer weiteren öffentlichen Akzeptanz dieser Ausschließung zu rechnen. Weiterlesen

kritisch-lesen.de Ausgabe Nr.33 zum Thema Kritische Soziale Arbeit

7 Jul

Angeregt durch eigene Verstrickungen und Genoss_innen, die ihre Lohnarbeit im Feld der Sozialen Arbeit leisten, widmet sich die 33. kritisch-lesen.de-Ausgabe dem Thema Kritische Soziale Arbeit. „Für die Soziale Arbeit gilt wie für jede andere Lohnarbeit zunächst einmal, dass sie, wenn auch nicht immer in direkter Form, auf einem Ausbeutungsverhältnis beruht. Dennoch scheint sie für einige Linke als Interventionsort attraktiv, was damit zusammenhängen dürfte, dass sie die direkte Arbeit mit denjenigen ermöglicht, die von der Gesellschaft ausgesondert wurden. In der direkten Arbeit changiert die Soziale Arbeit häufig zwischen Hilfe und Kontrolle − zwischen der Arbeit mit Menschen und der Arbeit an Menschen“. kritisch-lesen.de will „die Widersprüche der Sozialen Arbeit diskutieren und aufgezeigen, in welcher Weise diese herrschaftsstabilisierend ist und wo möglicherweise Widerstandspunkte liegen“.

Weitere Einführungen und Rezensionen:
http://www.kritisch-lesen.de/ausgabe/radikale-soziale-arbeit

Armut in Harburg – was können wir gemeinsam dagegen tun? Perspektiven für eine bessere Soziale Arbeit im Stadtteil

1 Apr

Fast jedes fünfte Hamburger Kind unter 15 Jahren lebt von Hartz IV.
In Harburg ist die Kinderarmut noch größer. Mangel an Bildung,
Gesundheit, Mobilität und Gestaltungsmöglichkeiten gehören hier zum Alltag.
Doch gerade in den besonders stark betroffenen Stadtteilen wirken Kürzungen
in der Offenen Kinder- und Jugendhilfe dramatisch: Es gibt immer weniger
passende Unterstützung für arme Kinder und ihre Familien.

Die Fraktion DIE LINKE will‘s wissen: Wie können wir gemeinsam Ideen und  Projekte entwickeln, damit Kinder trotz der vielen Zumutungen, Kürzungen und
festgezurrten Strukturen in unserer Stadt gut leben können? Gemeinsam mit dem
Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Hamburg (AKS), mit AkteurInnen der
Sozialen Arbeit, mit engagierten und interessierten Menschen aus Hamburger Stadtteilen und mit Ihnen wollen wir ins Gespräch kommen und herausfinden:
Welche sozialen Angebote brauchen wir in den Stadtteilen?
Wie sieht Soziale Arbeit im Stadtteil aus, die sich an den Bedürfnissen
der AnwohnerInnen orientiert und sie stärkt? Welche Beispiele können Mut machen?
Wie und mit wem können wir gemeinsam unsere Ideen umsetzen?

Kommen Sie vorbei und reden Sie mit!

Mittwoch, 16.04.2014, 19 Uhr
Feuervogel Bürgerzentrum Phoenix
Maretstraße 50, Hamburg-Harburg

Weitere Termine und Informationen:
http://www.linksfraktion-hamburg.de

Flyer zum Download

Timm Kunstreichs „Grundkurs Soziale Arbeit“ seit Januar 2014 im Volltext online

20 Feb

Timm Kunstreich - Grundkurs Soziale ArbeitDie beiden Bände des Einführungswerks „Grundkurs Soziale Arbeit: sieben Blicke auf Geschichte und Gegenwart Sozialer Arbeit“ von Timm Kunstreich sind im Januar 2014 in der 5. Auflage erschienen. Sie aus technischen Gründen neu formatiert, sodass es keine Übereinstimmung mehr in der Seitenzählung mit den vorherigen Auflagen gibt. Es fehlt also die „Seitenkonkordanz“. Inhaltlich ist der Text aber unverändert. Beide Bände stehen nun unter einer Creative Commons-Lizenz und können somit kostenfrei als durchsuchbares PDF-Dokument abgerufen werden unter http://www.timm-kunstreich.de

Im Jahr 2012 war insbesondere der zweite Band und der darin vorhandene Beitrag von Eberhard Mannschatz zur Sozialen Arbeit in der DDR Gegenstand einer länger andauernden öffentlichen Kampagne, zu der wir als AKS Hamburg im August 2012 Stellung bezogen hatten (vgl. Stellungnahme vom 27.08.2012).

Mit der elektronischen Neuauflage des Grundkurs kann sich nun jede und jeder ein eigenes Bild vom Auslöser des Konflikts machen und auch unabhängig davon schnell und leicht auf das Standardwerk Timm Kunstreichs zugreifen.

 

Aufruf zur Aktionskonferenz ‚Care Revolution‘ am 14. – 16.03.2014 in Berlin

16 Dez

Vom 14. bis 16. März 2014 findet in Berlin die Aktionskonferenz ‚Care Revolution‘ statt, zu der wir hiermit herzlich einladen möchten.

Nähere Informationen sind auf der Seite zur Konferenz zu finden: http://care-revolution.site36.net/.

Hier der Einladungstext:

Her mit dem guten Leben – für alle weltweit!

Veranstalter: AK Reproduktion, Feministisches Institut Hamburg und Rosa‐Luxemburg‐Stiftung

Krise sozialer Reproduktion

Um für uns und andere zu sorgen, brauchen wir Zeit und Ressourcen aller Art. Dies ist grundlegend für  die  Verwirklichung  unserer  Bedürfnisse  und  Interessen  –  für  ein  gutes  Leben.  In  einem kapitalistischen System spielen menschliche Bedürfnisse jedoch nur insofern eine Rolle, als sie für die Herstellung  einer  flexiblen,  kompetenten,  leistungsstarken,  gut  einsetzbaren  Arbeitskraft  von Bedeutung  sind.  Sorgearbeit  wird  gering  geschätzt  und  finanziell  kaum  unterstützt.  Dies  gilt insbesondere  in  der  derzeitigen  Krise  sozialer  Reproduktion,  die  wir  als  einen  zugespitzten
Widerspruch zwischen Profitmaximierung und Reproduktion der Arbeitskraft verstehen. Diese soziale Reproduktionskrise hat viele Facetten:

  • Staatliche Dienstleistungen decken nicht den steigenden gesellschaftlichen Bedarf an Bildungund  Erziehung,  Gesundheit  und  Pflege:  An  Kinderbetreuung  und  schulischer  Bildung  wirdgespart; alte und kranke Menschen werden nicht mehr ausreichend versorgt; Menschen mit Beeinträchtigungen  erhalten  zu  wenig  Assistenz.  Für  die  staatliche  Subventionierungprofitabler  Güterproduktion,  wie  der  Automobilindustrie,  stehen  in  der  Krise  Milliarden  zur Verfügung,  ebenso  wie  für  die  Rettung  von  Privatbanken.  In  Kindergärten,  Schulen, Jugendhilfeeinrichtungen,  Krankenhäusern  und  Pflegeheimen  wird  nur  ein  Bruchteil  dessen investiert.  Weiterlesen

LAG für Erziehungsberatung Hamburg fordert Ende der „unerträglichen Zustände in der Haasenburg“

24 Jun

Die Hamburger Landesarbeitsgemeinschaft für Erziehungsberatung hat in einem Offenen Brief an die Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration und an die jugendpolitischen SprecherInnen der Parteien der Hamburger Bürgerschaftschaft ebenfalls ihre Ablehnung der Praktiken der Haasenburg GmbH geäußert und „die sofortige Rückholung der in der Haasenburg untergebrachten Kinder und Jugendlichen, [einen] Stopp jeder weiteren Belegung mit Hamburger Minderjährigen, sowie die Entwicklung gewaltfreier pädagogischer Konzepte auch für Kinder mit hoch destruktiven Verhaltensweisen“ gefordert.

Wir dokumentieren den Brief hier: Landesgemeinschaft für Erziehungsberatung: Stellungnahme Haasenburg (Juni 2013).