Online-Diskussion: Dienstag, 08.06.2021, 18:30 – 21:00 Uhr„Weder Therapie noch Strafe!“Für eine Überwindung des „Verschiebebahnhofs“ in der Jugendhilfe

17 Mai

Diagnostik und diagnostische Verfahren sind längst Alltag in der Jugendhilfe geworden. Zugespitzt wird dies in der aktuellen Planung des rot-grünen Senats in Hamburg deutlich, der eine Spezialeinrichtung im Klotzenmoorstieg (womöglich geschlossen) für Kinder plant, die sich „zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe“ bewegen und von denen sich sowohl Jugendhilfe als auch Schule überfordert sehen würden.

Vor diesem Hintergrund wollen wir vergessene bzw. verdrängte Wissensbestände reaktivieren: „Weder Therapie noch Strafe!“ lautete das Paradigma der sozialpolitisch orientierten Jugendhilfepolitik der 80er Jahre in Hamburg. Der „Verschiebebahnhof Jugendhilfe“ sollte überwunden werden, geschlossene Heime wurden aufgelöst und mit dem Verzicht auf stigmatisierende Zuschreibungen und Diagnosen wurden Heim-, Psychiatrie- und Knastkarrieren verhindert. Dies wirkte sich auch auf andere Bereiche der Jugendhilfe liberalisierend aus. Dass eine solche repressionsfreie Jugendhilfe erfolgreich ist, zeigen die Ergebnisse einer externen Untersuchung durch Reinhold Schone (1991). Warum sind diese Ergebnisse „in der Schublade“ verschwunden?

Mit dem Politikwechsel hin zur aktivierenden Sozialpolitik erhält eine modernisierte Form der Pathologisierung in der Sozialen Arbeit Aufwind: „Fachkliniken“ werden gegründet, Kooperationseinrichtungen zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe nehmen bundesweit zu und immer spezialisiertere Einrichtungen werden gefordert. Diese Einrichtungen eint die objektivierende Zuschreibung der Adressat*innen als „stark defizitär“, denen es zu helfen bzw. deren Defizite es zu korrigieren gilt. Wo zur Durchsetzung der reaktionären Wende der 1990er das Bild des kriminellen, gewalttätigen Jugendlichen inszeniert wurde, scheint es heute eine Verschiebung zur Psychologisierung und Psychiatrisierung zu geben – mit der gleichen Konsequenz: Soziale Konflikte werden in individualisierte Krankheitsbilder umgedeutet.

Im Konflikt mit der Rückkehr zu mehr Therapie und Strafe stehen Einrichtungen, die eine Kultur der Kooperation im Verständnis einer demokratischen sozialräumlich orientierten Gemeinwesenarbeit anstreben und eine gemeinsame Aufgabenbewältigung zum Ziel haben. Das ist dann der Fall wenn die Arbeit in und mit Gruppen aus dem Bedürfnis „nach menschlicher Entwicklung, Erziehung, Bildung und kollektiver Aktion [entsteht], um das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen – und eben nicht aus der Annahme, dass Stress und Krise gleichbedeutend wären mit sozialer, psychologischer und physiologischer Krankheit.“ (Hans Falck, Prof. für Soziale Arbeit & Psychiatrie, Richmond (USA), 1993)

Deswegen wollen wir auf der Veranstaltung diskutieren:

  • Welche Unterschiede in den wissenschaftlichen Annahmen und Bezügen bestehen zwischen medizinischer Diagnostik und Behandlung und sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Interventionen?
  • Welche Rahmenbedingungen geben diesen beiden Entwicklungen Aufwind?
  • Kann eine kooperative Sozialraumarbeit sowohl Strafe als auch Therapie ersetzen? Welche strukturellen Rahmenbedingungen bedarf es dazu?

Mit:

Charlotte Köttgen
Fachärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie/ -psychotherapie, von 1984 bis 2003 Leiterin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen und psychologischen Dienstes im Amt für Jugend Hamburg

Michael Schroiff
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Vorsitzender des Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen, Mitglied im Verband demokratischer Ärzt*innen

Die Diskussion wird online über Zoom stattfinden:
Dienstag, 08.06.2021, 18:30 – 21:00 Uhr

Zoom-Meeting beitreten
https://haw-hamburg.zoom.us/j/95476625358
Meeting-ID: 954 7662 5358

Veranstalter:

Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung Hamburg
https://www.geschlossene-unterbringung.de

Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Hamburg
aks-hamburg@gmx.de
https://akshamburg.wordpress.com/

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