Ein Zwischenruf

13 Jun

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Arbeitskreis kritische Soziale Arbeit Hamburg

Systemrelevanz? Nein! Systemtransformationsrelevant!

In der „Corona-Krise“ ist verstärkt die Rede von „systemrelevanten“ Berufen und Tätigkeiten. Nicht wenige Träger der Sozialen Arbeit nehmen für sich in Anspruch, „systemrelevant“ zu sein. Es ist verständlich, dass die eigene Bedeutung betont wird, dabei stellt sich jedoch die Frage, wofür Bedeutung erlangt werden will: was ist mit der „Systemrelevanz“ gemeint? Relevant wofür? Um die „Feuerwehr“ zu sein (nicht nur) in der Krise – und dafür die gebührende (materielle und imma­terielle) Anerkennung zu bekommen?

Systemrelevant bedeutet wörtlich, relevant für das System zu sein, aktuell also für den neoliberalen Kapitalismus. Dessen Ziel, die Erzeugung und private Aneignung von Mehrwert, hat Konsequenzen für alle gesellschaftliche Bereiche. Die Abhängigkeit der Mehrheit der Menschen, zur Sicherung ih­rer Existenz durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft am ökonomischen Verwertungsprozess teilzuneh­men, hat entsprechenden Einfluss auf die sozialarbeiterischen Handlungsstrategien – bewusst wie unbewusst.

Die „Corona-Krise“ macht nun zugespitzt deutlich, dass diese Art der gesellschaftlichen Reproduk­tion notwendigerweise die Existenzgrundlage für immer mehr Menschen immer prekärer macht. Das wird auch so weitergehen, wenn Arbeit als Lohnarbeit hauptsächlich als Ware genutzt wird, um den gesellschaftlichen Akkumulationsprozess zu befeuern. Soziale Arbeit als Infrastruktur-Angebot, das auf die Unterstützung und Erhaltung aller gesellschaftlich wichtigen Kompetenzen und Tätig­keiten zielt – Pflege und Kindererziehung, aber auch künstlerische, sportliche und kulturelle Tätig­keiten –, wird in und nach der Krise beweisen müssen, dass sie nicht zu weiteren Spaltungen bei­trägt, sondern zu deren Überwindung.

Die konstruierte „Corona-Gemeinschaft“, die gegenwärtig von zig Werbeplakaten, in Radiosendun­gen und Zeitungsartikeln postuliert wird („Wir gegen Corona“), verschleiert die soziale Ungleichheit, die in dieser Krise weiter verschärft wird. Zwar macht der Virus keinen Unterschied zwischen arm und reich, seine Konsequenzen und vor allem die der Maßnahmen, die gegen seine Verbreitung ergriffen wurden und werden, schon! Es sind nicht alle gleichermaßen von Arbeitslosigkeit, beengten Wohn­verhältnissen, Isolation etc. betroffen. Und auch die in der kapitalistischen „Normalität“ bestehen­den Existenzängste und die durch entfremdete Arbeitsbedingungen erworbenen körperlichen und psychischen Schäden spielen für die Entwicklung und Erhaltung von Gesundheit eine große Rolle. Und diese sind eben nicht gleich verteilt.

Mit dem Begriff der Systemrelevanz ist die Frage aufgeworfen: Was ist gesellschaftlich relevante Arbeit? Die gegenwärtige Krise betrifft alle und wir als in der Sozialen Arbeit Tätigen sollten es darauf anlegen, progressiver aus ihr „rauszugehen“ als wir „reingegangen“ sind. Deshalb: system-überwindungs-relevant statt system-erhaltungs-relevant.  Wir schlagen daher vor, den präziseren Begriff der „Systemtransformationsrelevanz“ als Maßstab für die grundlegende Veränderung aller gesellschaftlichen Sphären in Richtung auf Kooperation und Emanzipation zu nehmen.

Klar ist, dass der Mensch eine gesellschaftliche Infrastruktur, kollektive und öffentliche Güter benö­tigt, um ein „gutes Leben“ führen zu können. Diese Infrastruktur wird in diesem System jedoch durch Ökonomisierung bzw. „Verbetriebswirtschaftlichung“ zur Ware gemacht, so dass sie dem neoliberal geprägten Verwertungsprozess besser dienen kann. Gleichzeitig gibt es immer mehr Menschen, die erkennen, wie krisenhaft es ist, wenn nicht die Bedürfnisbefriedigung der Menschen im Mittelpunkt steht, sondern die Mehrwertschöpfung (in der öffentlichen Daseinsvorsorge wie in der Wirtschaft). So gibt es immer größer werdende internationale Bewegungen gegen Privatisierung und die Ökonomisierung des Sozialen. Diesen Auseinandersetzungen sollten wir uns verstärkt in Parteien, in Gewerkschaften und in sozialen Bewegungen anschließen und auch in unserem berufli­chen Handeln die Perspektive der Systemtransformation als Handlungsorientierung immer im Blick behalten.

Gerade im sozialarbeiterischen Bereich können wir uns anstelle der individualisierenden Defizitori­entierung auf eine emanzipatorische und kooperative Bildung beziehen, die als Grundlage für die Entwicklung von Systemtransformationsrelevanz mit inhaltlichem Leben gefüllt werden kann und muss. Es gibt ein Bildungsverständnis, das sich im Konflikt mit Wettbewerbs- und Leistungsdruck entwickelt hat und dessen Ursprung handlungsfähige Subjekte sind. Daran sollten wir uns in diesen Zeiten erinnern und anknüpfen.

Es gilt, für eine progressive Praxis eine Alternative zur eigenen Systemrelevanz zu entwickeln. Da­für braucht es in neuer Qualität geöffnete Institutionen und Einrichtungen, in denen sich die Men­schen im Sozialraum begegnen, sie sich inhaltlich mit der aktuellen Situation auseinandersetzen, die Verhältnisse kritisch reflektieren und gemeinsame Lösungen entwickeln. Das setzt eine aktive, kon­struktive Teilhabe und eine gewisse Konfliktbereitschaft voraus. Damit es diese Einrichtungen ge­ben kann, braucht es wiederum kritische und solidarische Mitarbeiter-Teams, die sich organisieren. Und wenn nötig die aktuell geltenden Regeln aus guten Gründen brechen und alternative Hand­lungsweisen erfinden, um in den veränderten Situationen Lösungen zu entwickeln, die für möglichst alle Beteiligten eine echte Chance und Neuorientierung ermöglichen. Wir sollten uns wieder stärker daran orientieren, was unsere Nutzerinnen und Nutzer brauchen und wollen. Es geht also um gemeinsame Aufgabenbewältigung.

Seien wir systemtransformationsrelevant und lasst uns die Krise nutzen, um alternative Ideen und Praxen zu entwickeln!

 

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