Der Mensch ist kein „monadenhafter Einzelner“ Die Membership-Perspektive von Hans Falck

8 Nov

Veranstaltung des Arbeitskreis kritische Soziale Arbeit im Rahmen der Projektwoche der Sozialen Arbeit am Department Soziale Arbeit der HAW Hamburg


Im Laufe seiner gründlichen Auseinandersetzung mit dem Herzstück westlicher Ideologie – dem Individualismus – entwickelt Hans S. Falck (1923–2014) das Konzept des Memberships als Gegenposition zur Vorstellung des Menschen als „monadenhafter Einzelner“ und zur Befreiung der Sozialen Arbeit aus der Enge dieser Vorstellungen.

Donnerstag, 17.11.2022
10.00 – 12:00 Uhr,
im Department Soziale Arbeit, HAW Hamburg
 Alexanderstraße 1, 20099 Hamburg
Raum 3.09


Damit setzt er auf soziale Nähe als professionelle Herausforderung. Vielfältiges existenzielles Verbundensein bündelt er zu einer systemtheoretisch fundierten Perspektive von Sozialer Arbeit, die auf den beiden Prinzipien »konstante Verbundenheit« und »bedingter Zugang« beruht. Mit dem Handlungskonzept »hilfreiche Gruppe« gelingt es ihm, die hegemonialen Widersprüche von Individuum und Gruppe/Gesellschaft im Konzept des »Member« aufzuheben und so ein neues Paradigma zu begründen, welches der Ideologie des Individualismus eine radikale Absage erteilt.


Auf der Veranstaltung wollen wir mit Timm Kunstreich über sein neu erschienenes Buch ins Gespräch kommen: Eine dokumentarische Rekonstruktion des Werdegangs der Theorie von Hans Falck – in der Tradition einer dialogischen Sozialen Arbeit, die aus den „generativen Themen“ Gleichheit und Verbundenheit immer wieder neue Facetten hervorbringt und so den Habitus einer solidarischen Professionalität stärkt.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Projektwoche des Department Soziale Arbeit der HAW Hamburg vom 14.11.22 – 18.11.22 statt.
In dieser Projektwoche gestalten Studierende, Lehrende und Gäste zusammen Angebote zu Themen, die sie interessieren. Alle Veranstaltungen findet ihr in dem Programmheft, welches stetig aktualisiert wird. Es kann hier heruntergeladen werden: https://www.haw-hamburg.de/hochschule/wirtschaft-und-soziales/departments/soziale-arbeit/unser-department/projektwochen/projektwoche-wintersemester-2022/2023/

WOHNRÄUME SCHAFFEN!

15 Okt

Wir möchten auf eine Diskussionsveranstaltung zum 20-jährigen Bestehen
des Arbeitskreises Wohnraum für junge Menschen hinweisen:

MONTAG | 14.11.22 | 12 UHR
Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW)
Raum: »Versammlungsstätte« | Alexanderstr. 1 | Hamburg

Kontinuitäten, Brüche und Alternativen einer „Sozialarbeiteropposition“

16 Sept

Arbeitskreis Kritische Sozialarbeit/ Kritische Soziale Arbeit

Die Broschüre entstand im Kontext der Fachtagung „1960 – 1980: Die bewegten und bewegenden Jahre in Ausbildung, Praxis und Wissenschaft der Sozialen Arbeit“ die vom 18.05. bis 20.05.2022 an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Hamburg im Fachbereich Soziale Arbeit stattgefunden hat.

Wir, der AKS Hamburg, haben im Rahmen dieser Veranstaltung die Entstehungsgeschichte und das oppositionelle Wirken gegen herrschende politische Autoritäten von den 70er-Jahren bis heute mit unseren verschiedenen biografischen Bezügen und Zugängen geschildert. Damals wie heute entwickeln wir Perspektiven kritischer Sozialer Arbeit und treiben diese im Bewusstsein unserer Verstrickung in herrschaftspolitische Machtstrukturen voran. Dafür unterstützen wir uns gegenseitig in kritischer Reflexion und der Entwicklung einer widerständigen Praxis, die sich gegen soziale Ungleichheit wendet und deren Legitimation und Verfestigung aufdeckt, gesellschaftliche Interessenkonflikte und Herrschaftsstrukturen deutlich macht und sich dafür von den Zumutungen individualisierender und ordnungspolitischer Problembeschreibungen und -lösungen befreit (vgl. AKS Hamburg 2011).

Die Broschüre gibt einen Einblick in die Entstehungsgeschichte der Arbeitskreise der kritischen Sozialen Arbeit insgesamt und bezieht sich im weiteren Verlauf explizit auf die Entwicklung des AKS Hamburg und stellt fach- sowie gesellschaftspolitische Entwicklungen und die damit einhergehenden Konflikte, die bis heute in unterschiedlicher Couleur fortbestehen, dar. In einer Vergangenheits-Gegenwarts Chronologie werden in den unterschiedlichen Texten Handlungsweisen und Entwicklungspotenziale einer widerständigen Praxis dargestellt.

Hierbei fokussieren sich die Beiträge auf zentrale Spannungsverhältnisse und Konflikte Sozialer Arbeit im Kontext einer am Gemeinwesen und seinen Möglichkeiten ausgerichteten Sozialen Arbeit und den Bereich der Kinder und Jugendhilfe, die die inhaltlichen Auseinandersetzungen und die progressiven alternativen Handlungsweisen des AKS Hamburg seit seiner Gründung prägen.

Es geht uns um eine „gemeinsame Aufgabenbewältigung“ (Mannschatz 2010), die auf dem sozialen Code „mit“ basiert (vgl. Kunstreich 2022: 217) und so über ein defizitär gelagertes Verständnis Sozialer Arbeit hinausführt und Lebensbewältigung als gemeinsame Aufgabe fasst.

„Wir zahlen nicht für eure Kriege! 100 Milliarden für eine demokratische zivile & soziale Zeitenwende“ Aufruf zur Demonstration

21 Jun

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,

der AKS Hamburg unterstützt den bundesweiten Aufruf zu der Friedensdemonstration, die am 2. Juli ab 14 Uhr unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Kriege! 100 Milliarden für eine demokratische zivile & soziale Zeitenwende“ in Berlin stattfinden wird (https://zivilezeitenwende.de).

Wir sagen NEIN zur Aufrüstung – JA zur zivilen, solidarischen Entwicklung! und rufen dazu auf, das angekündigte Aufrüstungspaket von 100 Milliarden Euro im Grundgesetz gemeinsam zu stoppen und für die Umwidmung der Mittel zum Ausbau des Sozialstaats zu kämpfen.

Die Aufrüstungspolitik ist grundfalsch, hochgefährlich und zynisch, weil sie bedeutet, die gesellschaftliche Krise mit Militarismus zu beantworten statt mit sozialem Fortschritt zur Mehrung des Allgemeinwohls. Rüstungs- und Kriegspolitik stehen immer im Gegensatz zur solidarischen Kultivierung der Gesellschaft. Deswegen engagieren wir uns stattdessen für massive öffentliche Investitionen und dauerhafte Ausgabenerhöhungen für Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur und Klima – zur zivilen, demokratischen und sozialen Wohlentwicklung weltweit. (aus dem Aufruf)

Wir rufen alle auf, mit zu demonstrieren, den Aufruf weiter zu verbreiten und auch weitere potentielle Unterstützerinnen und Unterstützer darauf aufmerksam zu machen.

Die Liste von mittlerweile über 80 aufrufenden Organisationen wird fortlaufend aktualisiert: https://zivilezeitenwende.de/unterstuetzerinnen/

Es wird auch aus Hamburg eine gemeinsame Anreise organisiert. Anmeldungen und Nachfragen an: hamburg@zivilezeitenwende.de
Weitere Informationen dazu findet ihr hier: https://zivilezeitenwende.de/anreise/

Kommt zur bundesweiten Demonstrationam Samstag, den 02.07.2022,um 14 Uhr, Bebelplatzin Berlin!
NEIN zur Aufrüstung – JA zur zivilen, solidarischen Entwicklung!

Kein Einschluss in der Jugendhilfe! Zur Tagung “Konflikte um Heimerziehung und Einschluss heute” am 4. März 2021

21 Mär
Abschluss und Verabschiedung (Foto: Helen Vogel)

Am 4. März fand die Fachtagung zu Konflikten um Heimerziehung und Einschluss heute im Anna-Siemsen-Hörsaal der Fakultät Erziehungswissenschaft statt, zu der der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Hamburg, das Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung sowie der Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg eingeladen hatten. Das Interesse der Fachöffentlichkeit sowie Studierender und Mitglieder verschiedener Hochschulen aus Hamburg sowie dem Bundesgebiet war groß: ca. 150 Personen aus unterschiedlichen Bereichen der Jugendhilfe, nicht nur aus Hamburg, nahmen teil.

Einen Bericht zur Tagung findet ihr auf der Homepage des Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung: https://www.geschlossene-unterbringung.de/2022/03/kein-einschluss-in-der-jugendhilfe-zur-tagung-konflikte-um-heimerziehung-und-einschluss-heute-am-4-maerz-2021/

Dort findet ihr in Kürze auch die Video-Aufzeichnungen der einzelnen Abschnitte der Veranstaltung, sowie einen Pressespiegel.

Die Tagung hat Mut gemacht, sich weiter zu vernetzen und an einer Praxis der Jugendhilfe zu arbeiten, die nicht stigmatisiert, sondern auf eine „solidarische Kultur des Aufwachsens“ gerichtet ist.

Wir freuen uns in diesem Zusammenhang über Anregungen und Rückmeldungen an das Aktionsbündnis per E-Mail an kontakt@geschlossene-unterbringung.de

Für den Ausbau sozialräumlicher Unterstützungsangebote. Gegen Ausschluss durch Einschluss! Stellungnahme von AKS und Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung Hamburg

22 Jan

Anlässlich der Planungen des Hamburger Senats, eine neue Einrichtung an der Schnittstelle von Jugendhilfe und Psychiatrie zu errichten, in der mit freiheitsentziehenden Maßnahmen gearbeitet werden soll, haben der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (AKS) Hamburg und das Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung Hamburg Ende vergangenen Jahres eine Stellungnahme erarbeitet, mit der für den Ausbau sozialräumlicher Unterstützungsangebote statt Ausschluss durch Einschluss plädiert wird.

Sie wird mittlerweile von 13 freien Trägern, Arbeitskreisen und Gremien sowie über 30  Einzelpersonen aus Jugendhilfe und Sozialer Arbeit unterstützt und soll dazu beitragen, dass die derzeit vorgesehenen großen Summen statt für die Errichtung einer weiteren spezialisierten Einrichtung in den Ausbau und die Weiterentwicklung eines sozialräumlichen multiprofessionelles Hilfenetzes investiert werden. 

Wer ebenfalls die Unterstützung dieser Stellungnahme erklären will, ist herzlich eingeladen, dies über eine Nachricht an kontakt@geschlossene-unterbringung.de mitzuteilen. 

[Stellungnahme mit den Unterzeichnern als PDF (aktualisiert am 10.03.2022)]

Fachtagung „Konflikte um Heimerziehung und Einschluss heute – ‚Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Heim – heute noch?‘“

27 Nov

Liebe Mitstreiterinnen, liebe Kolleginnen, Kommilitoninnen und Interessierte,

am Freitag, den 4. März 2022 veranstalten das Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung und der Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit (AKS) Hamburg in Kooperation mit dem Arbeitsbereich Sozialpädagogik der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg eine ganztägige Fachtagung unter dem Motto „Konflikte um Heimerziehung und Einschluss heute -,Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Heim – heute noch?‘, zu der wir hiermit herzlich einladen möchten.

Veranstaltungsort wird das Gebäude der Fakultät für Erziehungswissenschaft sein (Von-Melle-Park 8, Nahe S Dammtor). Damit setzen wir die Tagungsreihe „Wenn Du nicht brav bist, kommst Du ins Heim“ fort, die im Februar 2018 mit der „Zeitreise durch 70 Jahre Heimgeschichte“ begonnen wurde und knüpfen an die jüngsten kritischen Auseinandersetzungen um repressive Padagogik und Praxen des Ausschlusses von Kindern und Jugendlichen an – zuletzt im Rahmen des „Tribunals“ über die Verletzung von Kinderrechten in der Heimerziehung im Oktober 2018.

Dass diese Auseinandersetzung weiterhin hohe Aktualität hat, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass der Hamburger Senat derzeit am Standort Klotzenmoorstieg eine neue Jugendhilfeeinrichtung mit geschlossenen Elementen plant, die 2025 in Betrieb gehen soll. Im Rahmen der Tagung werden sowohl die Perspektiven von Jugendlichen und ehemals von geschlossener Unterbringung Betroffener als auch die von Fachleuten mit einer Praxis der Vermeidung von Einschluss sowie von Wissenschaftlerinnen zu Geltung kommen. In Form von Workshops wird es zudem die Möglichkeit zum Austausch zu verschiedenen Aspekten von Einschluss und Heimerziehung sowie zur (überregionalen) Vernetzung geben.

Der Flyer zu der Veranstaltung steht hier zum Download bereit.

DieTeilnahme ist kostenlos. Es wird um Anmeldung unter www.conferences.uni-hamburg.de/event/225/ gebeten.

Alle weiteren Infos: https://www.geschlossene-unterbringung.de/2021/11/wenn-du-nicht-brav-bist-kommst-du-ins-heim-konflikte-um-heimerziehung-und-einschluss-heute/

Für Rückfragen: kontakt@geschlossene-unterbringung.de  

Einladung zum Bündnistreffen zur Gar-nicht-erst-Öffnung der geplanten Einrichtung am Klotzenmoorstieg am 07.09.21

27 Aug

Liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter gegen geschlossene Unterbringung,

wie ihr alle zwischenzeitlich erfahren habt, plant der Hamburger Senat am Klotzenmoorstieg nach eigenen Angaben eine „hochstrukturierte“, intensivpädagogische und damit Exklusions-förderliche Einrichtung für Kinder von 9 bis 13 Jahren, die sich durch eine enge Kooperation zwischen Jugendhilfe und Jugendpsychiatrie „auszeichnen“ soll.

Auf der Veranstaltung „Weder Therapie noch Strafe“ des AKS und des Aktionsbündnisses gegen Geschlossene Unterbringung haben wir diskutiert, dass Einrichtungen mit derartigen Konzepten keine Kooperationen ermöglichen können, die das Aufwachsen als gemeinsame und demokratische Aufgabenbewältigung auf der Grundlage von wechselseitiger Unterstützung verstehen. Die betroffenen jungen Menschen bleiben außenvor.

Mit dem Anliegen, eine gemeinsame Stellungnahme gegen diese und solche Einrichtungen zu verfassen, wollen wir uns gemeinsam auf den neuesten Stand der Erkenntnisse über den Fortgang der offiziellen Planungen bringen, uns darüber austauschen, was bereits an Aktivitäten geplant ist und in erster Linie beraten, wie wir gemeinsam dazu beitragen können, dass in Hamburg keine neue geschlossene bzw. „hochstrukturierte“ Unterbringung eingerichtet wird.

Ihr seid herzlich eingeladen, am Dienstag, den 7. September um 18 Uhr zu einem Bündnis- und Vernetzungstreffen im Erziehungswissenschaftsgebäude der Uni Hamburg (Von-Melle-Park 8, Raum 05) zu kommen. In dem Raum haben wir genügend Platz für Abstände, sowie gute Lüftungsmöglichkeiten (in der Hochschule bitte eine medizinische Maske tragen).

TO-Vorschlag:

  1. Begrüßung und Vorstellung
  2. Austausch über den aktuellen Stand der Auseinandersetzung und bisherige Planungen
  3. Diskussion eines gemeinsamen Vorgehens (Erklärung/Stellungnahme, Protestaktivitäten, …) und weitere Verabredungen
  4. Verschiedenes

Über eine kurze Anmeldung für eine bessere Planung an: aks-hamburg@gmx.de würden wir uns freuen, ihr könnt aber auch gerne spontan dazukommen.

Mit solidarischen Grüßen,

AKS Hamburg & Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung

Kommentierte Thesen zur Diskussion um die Reform des Kinder- und Jugendhilferechts

24 Jun

                                                                   

Die Thesen sind vom AKS-HH 2020 gemeinsam erarbeitet worden. Nach der Verabschiedung des KJSG hat Timm Kunstreich diese Thesen sprachlich aktualisiert, inhaltlich aber im Wesentlichen unverändert gelassen.


Persönliche Vorbemerkung: 2022 wird das RJWG 100 Jahre alt. Die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts habe ich selbst miterlebt. Die verschiedenen Entwürfe für ein eigenständiges Jugendrecht seit den 1970er Jahren beschäftigen mich seitdem. Niederlagen und Erfolge in der Auseinandersetzung um die Rechte von Kindern und Jugendlichen haben meine professionelle Haltung wesentlich geprägt – was meine erste, erfahrungsgesättigte These deutlich machen soll:

  • Zielgruppen des Kinder- und Jugendhilferechts sind erst in zweiter Linie die Kinder, Jugendlichen und deren Familien, in erster Linie sind es die staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteure, die dieses Feld zu einer Kampfarena um Geld, Macht, Einfluss und patriarchale Hierarchisierung machen.

(Unter dem Titel: „Wem hilft die Jugendhilfe?“ gibt es dafür überzeugende Belege in der Zeitschrift Widersprüche, Hefte 129 und 131)

Das Missverständnis, es sei umgekehrt – also, dass Kinder, Jugendliche und deren Familien im Mittelpunkt dieses Gesetzes stünden – begleitet diese Diskussion seit 1922. Erst mit Reinhard Wiesners genialem Kompromiss, den Eltern ein subjektiv einklagbares Recht zu geben, Hilfe bei der Erziehung ihrer Kinder gegebenenfalls einzuklagen, konnte die SPD schließlich 1989 dazu bewegt werden, dem von der Kohl-Regierung vorgelegten Gesetz zuzustimmen. Dieser „Geburtsfehler“ begleitet die Diskussion bis heute.

Eine weitere bis heute wirkende Konsequenz daraus ist die Vertauschung von Regel und Ausnahme. Deshalb lautet meine zweite These:

  • Das Regel-Ausnahmeverhältnis zwischen allgemeinen Unterstützungsangeboten und individueller pädagogischer Intervention muss wieder auf die Füße gestellt werden.

Die programmatischen ersten Paragrafen des KJHG und der zeitgleich veröffentlichte 8. Jugendbericht machen deutlich, dass mit den in diesem Gesetz geschaffenen Einrichtungen allen Kindern und Jugendlichen ein gelingendes Aufwachsen ermöglicht werden soll – in den ersten 26 Paragrafen geht es um allgemeine Grundsätze und um die Regeleinrichtungen der Jugendhilfe, von der offenen Kinder- und Jugendarbeit über Familienförderung bis hin zur Kindertagesbetreuung. Erst wenn diese Unterstützungsleistungen nicht mehr ausreichen sollten, sollte eine Unterstützung im Einzelfall nachgefragt werden können. Dieses Verhältnis wurde in den letzten 30 Jahren auf den Kopf gestellt: Die Hühnerleiter von Paragraf 27 bis Paragraf 35 dominiert die Praxis genauso wie der Paragraf 8a die Maßnahmen zum Kinderschutz. Diese Verkehrung gilt es wieder auf die Füße zu stellen!

Dabei darf nicht vergessen werden, dass seit den siebziger Jahren auf Basis der zwölf Sozialgesetzbücher eine politisch-ökonomische Entwicklung stattgefunden hat, die man als Herausbildung eines Care-industriellen Komplexes charakterisieren kann. Dieser stellt nicht nur 30% – 40 % des Bruttoinlandsprodukts her – ist also außerordentlich produktiv –, sondern ist auch Gegenstand einer grundlegenden neoliberalen Modernisierung, die nicht nur den Bereich Gesundheit und Pflege, sondern auch den Behinderten-, den Kinder- und Jugendbereich umfasst. In gewisser Weise ist der Kinder- und Jugendbereich sogar eine Art Vorreiter neoliberaler Transformation, wurde hier doch zum ersten Mal in größerem Ausmaß der Wechsel von der Objekt- zur Subjektförderung ausprobiert. Es wurde also nicht mehr eine Einrichtung in allen Details genehmigt und bezahlt, sondern die Nutzerinnen und Nutzer bekamen die (Rechts-)Mittel in die Hand, die zur Nutzung der Einrichtung gebraucht werden. Dieser Wechsel in der Steuerung von Mitteln und Rechten hat zum Beispiel im Kita-Bereich zu einer enormen Dynamik geführt, vor allem durch die zahlreichen eigenständigen Gründungen von Eltern-Kind-Gruppen.

Daraus ergibt sich die Forderung:

  • Der „Care-industrielle Komplex“ muss in eine soziale Infrastruktur mit Versorgungsverpflichtung/ Daseinsvorsorge und Rechtsanspruch umgewandelt werden.

Die Devise muss also lauten: Nicht zurück zur starren bürokratischen Objektverwaltung, sondern von einem individuellen Leistungsanspruch hin zu einem demokratischen und damit kollektiven Teilhaberecht. Was ansatzweise im Kitabereich gelungen ist, könnte und sollte auf die gesamte soziale Infrastruktur ausgedehnt werden. Vergleichbar mit der Krankenversorgung bzw. der Bildung sollte es bedingungslose Teilhaberechte an Wohnen, Mobilität und gesellschaftliche sinnvollen Tätigkeiten – einschließlich von Lohnarbeit – geben. Das bedeutet:

  • Die Rolle des SGB VIII als Vorreiter neoliberaler Modernisierung muss beendet werden.

Im Mittelpunkt der dieser neoliberalen Modernisierung steht der privatrechtliche Vertrag, das System der Entgeltverträge, die Qualität und Quantität von Leistungen im Bereich der Hilfen zur Erziehung, aber auch in dem der Pflege und in anderen sozialen Infrastrukturen regeln.

Diese Marktsimulation – der „Monopolkunde Staat“ lässt Anbieter (notfalls europaweit) miteinander um das billigste Angebot konkurrieren – hat im Bereich der HzE zu ständigen Steigerungsraten geführt. Diese haben mittlerweile einen Umfang erreicht, dass sie auch als Kapitalanlage interessant werden. Die Zahl der Privatbetriebe steigt ständig. Denn Sinn und Zweck des Care-industriellen Komplexes ist nicht die Herstellung einer lebenswerten sozialen Infrastruktur, sondern die Bereitstellung von Akkumulationsmöglichkeiten für das Kapital.

  • Neben den Eigeninteressen von Fachbehörden, Wohlfahrtsverbänden und sonstigen Trägern spielen in dieser Kampfarena die professionellen, beruflichen sowie die Einkommens- und Aufstiegs-Interessen der beteiligten Berufsgruppen eine zentrale Rolle. (Auch wir sind Beteiligte/Akteure im Care-industriellen Komplex)

Hier müssen wir uns an die eigene Nase fassen:

Unsere Interessen sind nicht mit denen unsere AdressatInnen identisch! Dazu nur ein Beispiel: Der Paragraf 4a zur Selbstorganisation von Jugendlichen hat bei etlichen Verbänden den Reflex hervorgerufen, hier könnte es über Ehrenamtlichkeit an die Arbeitsplätze von Fachkräften gehen….

  • Es lohnt sich, wie Nicole Rosenbauer und Reinhold Wiesner es gemacht haben, das Gesetz systematisch danach zu untersuchen, wo Ansätze eigenständiger Kinder- und Jugendrechte zu finden sind, auch wenn diese manchmal nur mit Fantasie zu entdecken sind.

Solche Ansätze finden sich im Recht auf Beratung ohne Zustimmung der Eltern, in den Ombudsstellen, in der offenen Kinder- und Jugendarbeit, in der Jugendverbandsarbeit und ähnlichen Angeboten. Wie von einem anderen Stern erscheint hier der erst sehr spät in das Gesetz aufgenommene Paragraf 4a. In ihm werden die Träger der Jugendhilfe verpflichtet, die Selbstorganisation von Jugendlichen zu unterstützen – wer hätte das gedacht!

Was könnte sich daraus ergeben?

Auf der Basis einer ernsthaften Inklusion und einer sich entwickelnden Ganztagsschule könnten diese angedeuteten Elemente eine Option für eine Alternative in diesem Sektor des Care-industriellen Komplexes bilden:

  • Perspektive ist ein demokratisches, d. h. ein Teilhabe- und Teilnahme-orientiertes Kinder- und Jugendrecht, in dem „Hilfe“ wesentlich dadurch aufgehoben ist, dass die Akteure sich wechselseitig unterstützen, wobei Akteure in diesem Feld natürlich auch die Professionellen sind.

Als Beispiel möchte ich die ebenfalls erst sehr spät in das Gesetz aufgenommene Schulsozialarbeit nennen (Paragraf 13 a). Hier könnte der oben angesprochene Regelbereich sich ganz anders entwickeln als es sich zurzeit andeutet. Offene Kinder- und Jugendarbeit und Schulsozialarbeit könnten ein regionales Gegenmodell gegen das alles dominierende Selektions- und Konkurrenzmodell der Schule bilden. Bedingung dazu ist, dass die Schulsozialarbeit nicht in die Schuladministration eingebunden ist (also nicht der Schulleitung unterstellt), sondern dass diese relative Unabhängigkeit vom Selektionsprozess der offenen Kinder- und Jugendarbeit und der Schulsozialarbeit eine Stück Gegenmacht gibt, weil ihre nicht-selektiven sozialen Räume im Leben von Kindern und Jugendlichen eine kooperative Selbstwirksamkeit ermöglichen.

Zusammen mit Familienbildung, Beratungsstellen, Jugendverbänden und selbstorganisierten Gruppen nach Paragraf 4a wäre ein sozial- räumliches Budget denkbar, das sich an den Freiräumen und an der Rhythmisierung von jugendlichen Lebensweisen orientiert und somit ein Gegengewicht gegen die übermächtige Selektionskraft des Schulsystems bildet. Eine Konsequenz daraus ist:

  • Wer Individualisierung, Psychiatrierung und quasi medizinische Diagnostik für die falschen Wege in der Sozialen Arbeit hält, muss sich für eine Beendigung der ökonomischen Dominanz des Einzelfalls einsetzen und für regionale, demokratische Budgets eintreten.

Das eben angedeutete Beispiel weitergedacht könnte den Regelbereich von Kinder- und Jugendrechten qualitativ erweitern und könnte viele Anregungen für die anderen Felder der Sozialen Arbeit bieten, zum Beispiel für die Hilfen zur Erziehung – sowohl für die ambulanten als auch für die stationären. Das möchte ich mit meiner letzten These als Anregung Ihrer Fantasie noch einmal unterstreichen:

  • „Kommunale Ressourcenfonds“ (KoReF), demokratisch gestaltet und an artikulierten Bedürfnissen orientiert, könnten sich auf diese Weise zu einer praktikablen Kultur des Aufwachsens entwickeln, in der die institutionellen Zwänge durch die Vielfalt formeller, informeller und non-formaler Orte gemeinsamer Aufgabenbewältigung von jungen Menschen und junggebliebenen Professionellen überflüssig werden.

Online-Diskussion: Dienstag, 08.06.2021, 18:30 – 21:00 Uhr„Weder Therapie noch Strafe!“Für eine Überwindung des „Verschiebebahnhofs“ in der Jugendhilfe

17 Mai

Diagnostik und diagnostische Verfahren sind längst Alltag in der Jugendhilfe geworden. Zugespitzt wird dies in der aktuellen Planung des rot-grünen Senats in Hamburg deutlich, der eine Spezialeinrichtung im Klotzenmoorstieg (womöglich geschlossen) für Kinder plant, die sich „zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe“ bewegen und von denen sich sowohl Jugendhilfe als auch Schule überfordert sehen würden.

Vor diesem Hintergrund wollen wir vergessene bzw. verdrängte Wissensbestände reaktivieren: „Weder Therapie noch Strafe!“ lautete das Paradigma der sozialpolitisch orientierten Jugendhilfepolitik der 80er Jahre in Hamburg. Der „Verschiebebahnhof Jugendhilfe“ sollte überwunden werden, geschlossene Heime wurden aufgelöst und mit dem Verzicht auf stigmatisierende Zuschreibungen und Diagnosen wurden Heim-, Psychiatrie- und Knastkarrieren verhindert. Dies wirkte sich auch auf andere Bereiche der Jugendhilfe liberalisierend aus. Dass eine solche repressionsfreie Jugendhilfe erfolgreich ist, zeigen die Ergebnisse einer externen Untersuchung durch Reinhold Schone (1991). Warum sind diese Ergebnisse „in der Schublade“ verschwunden?

Mit dem Politikwechsel hin zur aktivierenden Sozialpolitik erhält eine modernisierte Form der Pathologisierung in der Sozialen Arbeit Aufwind: „Fachkliniken“ werden gegründet, Kooperationseinrichtungen zwischen Psychiatrie und Jugendhilfe nehmen bundesweit zu und immer spezialisiertere Einrichtungen werden gefordert. Diese Einrichtungen eint die objektivierende Zuschreibung der Adressat*innen als „stark defizitär“, denen es zu helfen bzw. deren Defizite es zu korrigieren gilt. Wo zur Durchsetzung der reaktionären Wende der 1990er das Bild des kriminellen, gewalttätigen Jugendlichen inszeniert wurde, scheint es heute eine Verschiebung zur Psychologisierung und Psychiatrisierung zu geben – mit der gleichen Konsequenz: Soziale Konflikte werden in individualisierte Krankheitsbilder umgedeutet.

Im Konflikt mit der Rückkehr zu mehr Therapie und Strafe stehen Einrichtungen, die eine Kultur der Kooperation im Verständnis einer demokratischen sozialräumlich orientierten Gemeinwesenarbeit anstreben und eine gemeinsame Aufgabenbewältigung zum Ziel haben. Das ist dann der Fall wenn die Arbeit in und mit Gruppen aus dem Bedürfnis „nach menschlicher Entwicklung, Erziehung, Bildung und kollektiver Aktion [entsteht], um das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen – und eben nicht aus der Annahme, dass Stress und Krise gleichbedeutend wären mit sozialer, psychologischer und physiologischer Krankheit.“ (Hans Falck, Prof. für Soziale Arbeit & Psychiatrie, Richmond (USA), 1993)

Deswegen wollen wir auf der Veranstaltung diskutieren:

  • Welche Unterschiede in den wissenschaftlichen Annahmen und Bezügen bestehen zwischen medizinischer Diagnostik und Behandlung und sozialarbeiterischen und sozialpädagogischen Interventionen?
  • Welche Rahmenbedingungen geben diesen beiden Entwicklungen Aufwind?
  • Kann eine kooperative Sozialraumarbeit sowohl Strafe als auch Therapie ersetzen? Welche strukturellen Rahmenbedingungen bedarf es dazu?

Mit:

Charlotte Köttgen
Fachärztin für Kinder und Jugendpsychiatrie/ -psychotherapie, von 1984 bis 2003 Leiterin des Kinder- und Jugendpsychiatrischen und psychologischen Dienstes im Amt für Jugend Hamburg

Michael Schroiff
Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, Vorsitzender des Berufsverband der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut*innen, Mitglied im Verband demokratischer Ärzt*innen

Die Diskussion wird online über Zoom stattfinden:
Dienstag, 08.06.2021, 18:30 – 21:00 Uhr

Zoom-Meeting beitreten
https://haw-hamburg.zoom.us/j/95476625358
Meeting-ID: 954 7662 5358

Veranstalter:

Aktionsbündnis gegen geschlossene Unterbringung Hamburg
https://www.geschlossene-unterbringung.de

Arbeitskreis Kritische Soziale Arbeit Hamburg
aks-hamburg@gmx.de
https://akshamburg.wordpress.com/